Donnerstag, 29. Mai 2014

Marx bis Wurst: Eine kleine Kulturgeschichte des Bartes



Seitdem er mit Conchita Wurst offiziell die Geschlechterzugehörigkeit überwunden hat, gilt der Bart auch wieder als politisches Statement. Tatsächlich hatte der Bart in der Menschheitsgeschichte nie nur ausschließlich eine kulturelle Bedeutung sondern stellte oft auch eine politische Manifestation dar. 

Bartwuchs als revolutionäres und volksnahes Symbol
So ist es kein Zufall, dass gerade der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx, einen ausladenden Rauschebart pflegte. In der Zeit zwischen den großen Revolutionen 1789 und 1848 war der Bart das Erkennungszeichen des politischen und philosophischen Radikalismus. Ein Bart ließ im Allgemeinen auf ein revolutionäres Weltbild seines Trägers rückschließen. Diese Bedeutung wurde nach der Niederschlagung der Revolutionen 1848 dadurch in ihr Gegenteil verdreht, dass nun plötzlich Potentaten wie die deutschen und österreichischen Kaiser ihre Barthaare sprießen ließen. Hatte man in den Kaiserhäusern lange auf die glatte Rasur gesetzt, sollte der Bart angesichts veränderter politischer Bedingungen nun Volksnähe vorgaukeln. Als aber dieselben Adelshäuser ab 1914 das (männliche) Volk in Massen in den Schützengräben Europas mit Giftgas einnebeln ließen, stellte sich der Bart als Todesfalle heraus: Gasmasken schlossen nur auf rasierten Gesichtern luftdicht ab. Möglich war nur noch ein Oberlippenbart. Zweifelsfrei zu den Gewinnern des Krieges gehörte damit der Erfinder des Einwegrasierers, der US-Amerikaner King Camp Gillette

Ein Bart wird zum Erkennungszeichen des Nationalsozialismus
Der Erste Weltkrieg bildete damit für den Bart eine Zäsur, die bereits medial nachvollziehbar ist: Fotos in schwarz/weiß, auf denen Männer etwa mit Backenbärten zu sehen sind, sind mit ziemlicher Sicherheit vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, während die Fotos danach fast ausschließlich Männer mit glatten Wangen zeigen. Die Mode des Rasierens war also in der Zwischenkriegszeit vor allem ein Überbleibsel der Erfordernisse an der Front und zugleich auch ein Ergebnis der Entpolitisierung des Bartwuchses. Dies sollte sich ab den 1930er-Jahren radikal dadurch ändern, dass der Anführer des deutschen Faschismus eine besondere Form des Oberlippenbartes zu seinem Markenzeichen machte: Die Erscheinung Adolf Hitlers war mit seinem Bart derartig fest verknüpft, dass fortan vom "Hitlerbart" die Rede war, wobei es sich dabei paradoxerweise gerade um die Aneignung einer amerikanischen Mode, des amerikanischen "Toothbrush-Moustache" (Zahnbürsten-Schnurrbart), handelte. Dieser Bart trat im Gleichschritt mit der amerikanischen Industrialisierung schnell seinen Siegeszug durch die ganze westliche Welt an. Als Katalysator für diese Entwicklung diente der Schauspieler Charles Chaplin, der diesen Bart ab 1914 trug - laut Eigenaussage deshalb, weil er skurril aussah und die in Stummfilmen elementaren Mimiken nicht verdeckte. Der Nationalsozialismus belegte die Bedeutung dieses Bartes jedoch so stark, dass damit bis heute eine klare politische Aussage verbunden wird. Nach wie vor besteht kein Zweifel am Bedeutungsgehalt von Aktionen, in denen auch noch heute die Gesichter auf Wahlplakaten rechtspopulistischer Parteien mit solchen Bärten verziert werden

Sturm und Drang. Oder: Die haarigen 60er und die Zeit danach
Mit der Niederlage der Nazis fiel der "Hitlerbart" endgültig dem Rasierer zum Opfer. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war man im westlichen Kulturkreis generell um eine Entpolitisierung der Gesellschaft bemüht, deren Ideal darauf hinauslief, die Vergangenheit zu verschweigen und auf der Basis des Wirtschaftswunders ein braves bürgerliches Leben zu führen. Dies bedeutete in der Praxis, dass etwa in Deutschland und Österreich der unverarbeitete Dreck des Nationalsozialismus mit einem Übermaß an Sauberkeit und Anstandsregeln übertüncht werden sollte. Ein sauberes Gesicht sollte eine saubere, tadellose Lebensführung anzeigen. Das bedeutete nicht zwangsläufig ein haarloses Gesicht, zumindest aber einen sauber getrimmten (Oberlippen)Bart.

Als jedoch die nachfolgende Generation damit Begann, die Vergangenheit ihrer Eltern kritisch zu hinterfragen, bekam auch der Haarwuchs auf Kopf und Gesicht wieder eine Bedeutung, die nicht mehr nur als unsauber und unanständig wahrgenommen wurde sondern als offene Opposition zu den bürgerlichen Werten und Institutionen der Nachkriegszeit. In der 68er-Bewegung wurden (Voll-)Bärte gerne gesehen. Sie galten als offene Rebellion gegen das Establishment und dessen Wertvorstellungen. Und damit eroberte sich der ungebändigte Bart das Terrain der revolutionären Manifestation zurück und schaffte schlussendlich die volle Integration in die Popkultur. Dass die bewahrenden Kräfte in der Gesellschaft damit nicht viel anzufangen wussten, wird u.a. bereits im miefigen Schlagertitel "Wir" von Freddy Quinn von 1966 offensichtlich. Nachdem die Faulheit und Arbeitsverweigerungshaltung der jugendlichen "Gammler" kritisiert wird, singt Quinn Folgendes:

Auch wir sind für Härte, auch wir tragen Bärte, auch wir gehen oft viel zu weit. Doch manchmal im Guten, in stillen Minuten, da tut uns Verschiedenes leid.
Der Bart an sich ist also nicht das Problem ( - immerhin tragen auch die Anständigen - "wir" selber - Bärte), sondern die Geisteshaltung, die damit einher geht. Nachdem sich aber die Träume der 68er-Bewegung im Laufe der 1970er-Jahre aufgrund mangelhafter politischer Konzepte in Schall und Rauch des RAF-Terrors aufgelöst hatten, viele revolutionäre Ansätze in ungefährliche Wege geleitet wurden und kommerzialisiert worden waren, sich umfassende politische Bewegungen in Nischen aufspalteten und das Gros einer Generation an ehrlichen Kämpfern für eine bessere Welt in neuen oder bereits bestehenden Institutionen entschärft wurde, wurde auch der Bart wieder tendenziell entpolitisiert. Zwar wurden Bärte im Umfeld der aufkommenden Öko-Bewegung und im linken Spektrum oft gerne getragen, konnte aber aufgrund der weiten Verbreitung nicht mehr als exklusiv politisches Statement angesehen werden. Thematisiert wurde allerdings der Oberlippenbart, der sogar in einen häufig verwendeten Demospruch integriert wurde: "Die absolute Härte sind Oberlippenbärte" - eine Provokation gegenüber Polizisten, bei denen die "Rotzbremse" äußerst beliebt war. Hier diente der Bart aber nicht als integratives Merkmal einer Gesinnungsgemeinschaft sondern wurde zum negativen Erkennungsmerkmal der Staatsmacht, der man oppositionell gegenüberstand. Generell entwickelte sich die Frage der Gesichtsbehaarung aber zu einer zunehmend individuellen und wurde vom politischen Statement zum rein persönlichen Ausdruck, einer Vorliebe - zum Lifestyle.

Das bedeutet nicht, dass die Tage des Bartes als politische Manifestation endgültig gezählt wären. Als etwa in Ägypten noch bis vor kurzem die Muslilmbrüder die politische Macht inne hatten, galt ein Bart als unabdingbares Erkennungszeichen der Staatstreue und dominierte das Straßenbild. Nachdem allerdings die Muslimbrüder verboten worden waren, setzte ein Run zum Barbier ein, um sich unangenehme Konfrontationen mit den Sicherheitskräften zu ersparen. In beiden Fällen gilt die Gesichtsbehaarung als Äußerung einer politischen Gesinnung. Gemein ist bei aller Unterschiedlichkeit den genannten historischen Eckpunkten allerdings die Tatsache, dass der Bart immer nur als männlicher Ausdruck von politischer Manifestation galt. Weiblicher Bartwuchs galt auch bei den aufgeschlossenen 68ern nicht als schick sondern fiel dem bürgerlichen Ideal von Schönheit zum Opfer. Die daran anschließende Frauenbewegung hatte ihre eigenen dem Protest entstammenden Erkennungsmerkmale, wobei hier der Haarwuchs durchaus eine Rolle spielte, allerdings nicht im Gesicht. 

Alles vollkommen Wurst
Es ist insofern interessant, dass die Gewinnerin des Eurovision Song Contests Conchita Wurst durch ihren Vollbart derartig polarisiert, dass sich sogar hochrangige Funktionäre von Staaten wie etwa Russland zu einem reaktionären Kommentar bemüßigt fühlen. Die Wurzel der Polarisierung liegt in der Schwierigkeit der geschlechtlichen Definition von Conchita Wurst. Handelt es sich um eine Frau mit Bart oder um einen Mann in Frauenkleidern? Der Punkt ist, dass diese Frage ohne einer gewissen Kleinigkeit nicht gestellt werden würde: Dem Bart. In den traditionellen Denkkategorien gibt es Frauen und Männer mit ihren jeweiligen geschlechtsspezifischen Merkmalen: Ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau. Wenn diese Frauen und Männer sich dazu entscheiden, ihr Geschlecht umwandeln zu lassen, ist das Ergebnis auch hier einedeutig: Aus einem Mann wird eine Frau, aus einer Frau wird ein Mann. Auch die Protagonisten der Travestiekunst durchbrechen die klare Zuordenbarkeit nicht. Es handelt sich eben etwa um Männer, die sich als Frauen ausgeben. Die Gültigkeit eines auch hier klar abgegrenzten Schemas offenbart sich anhand der Tatsache, dass bei der Verkleidung großer Wert darauf gelegt wird, den Idealen des anderen Geschlechts in besonderem Maße zu entsprechen. Aber wie lässt sich eine Person einordnen, die der Erscheinung nach sowohl Mann als auch Frau sein könnte? Das "Dilemma" dieser Frage zeigt sich anhand des Vergleichs der Kommentatoren des deutschen und des österreichischen Rundfunks beim Song Contest. Während der österreichische Sprecher über "sie" sprach, gab sein deutsches Gegenstück Kommentare über "ihn" ab. Die Lösung dazu gibt Conchita selbst: Es ist "wurst", welchem Geschlecht man sie zuschreibt, weil ihre Persönlichkeit beide Geschlechter zulässt. Für einfach gestrickte Geister, für die jede Frage immer nur mit schwarz oder weiß beantwortet werden darf, mag das überfordernd sein; aber de facto wird damit der Umstand auf den Punkt gebracht, dass die in unserer Gesellschaft herrschende Zuschreibung von "männlich" und "weiblich" nicht nur oft widersprüchlich ist sondern auch das breite Spektrum einer individuellen Persönlichkeitsstruktur nur sehr unvollständig und verkürzt wiedergeben kann. Und gerade weil das vielfach ignoriert wird, hat eine solche Kleinigkeit wie ein Bart in diesem Fall eine derartige Sprengkraft, dass ganz Europa über das für und wider dieses Bartes debattiert - das macht den Bart zu einem Politikum, und in diesem Fall erneut zu einem Symbol der fortschrittlichen Kräfte. Wenn Frauen wie Männer in sozialen Netzwerken in Massen mit Conchita-Wurst-Bart posieren, machen sie das auch, weil sie sich mit der Botschaft identifizieren, die dieser Bart verkündet: Egal ob Mann oder Frau oder beides, egal ob Schwul, Lesbisch, Hetero oder was auch immer - das ist alles vollkommen wurst und jeder Mensch soll den Lebensweg einschlagen, der zum persönlichen Glück führt. Der Bart wurde zum Träger des Protests gegen Ausgrenzung und zum Symbol für ein offenes Miteinander.

Der Bart heute
Anhand der bisherigen Beobachtungen können wir feststellen, dass die Verbindung von Politik und Bartwuchs analog zu Wellenbewegungen ist: Es gibt Spitzen und es gibt Flauten, die einander bedingen und vom einen ins andere übergehen. Dabei ist klar, dass der Bart in den "Spitzenzeiten" nie für sich alleine steht sondern immer nur auf einen gewissen Bedeutungsgehalt hinweist; darin unterscheidet er sich nicht von anderen speziellen Symbolen, wie sie jeder politischen Bewegung eigen sind. Weil jedes Symbol (und auch pure Mode gehört dazu) immer das Resultat gesellschaftlicher Vorstellungen ist, ist auch der Bart in seiner "unpolitischen" Gestalt immer mit einer Aussage verbunden, allerdings viel subtiler; meist knüpft er dabei an die moralische und sittliche Ebene an.

In den letzten Jahren feierte der Bart in seiner unpolitischen Gestalt eine wahre Renaissance. Beliebt ist vor allem der Dreitagebart. Seine Akzeptanz geht so weit, dass die Hersteller von Männerpflegeprodukten über enorme Umsatzeinbußen klagen. Der Grund dafür mag vielschichtig sein, man mag dahinter auch einen letzten Rückzugsort der Männlichkeit sehen in einer Zeit, in der die Geschlechtergrenzen immer mehr verschwinden - was auch ein Indiz für die Polarisierungskraft des Bartes von Conchita Wurst wäre. Durch diesen Bart hat der Bart an sich mit einem Male wieder ein Potential inne, das entgegen der Ansicht einiger Kommentatoren über einen reinen Kulturkampf hinausgeht. Es ist aus heutiger Perspektive noch unklar, ob es sich hier nur um ein Strohfeuer handelt oder um den Anfang längst überfälliger Schritte hin zu einer echten Gleichbehandlung aller persönlichen Lebensentwürfe in Gesellschaft und Recht. Eines ist aber klar: Wenn es zu nachhaltigen Bewegungen in Gesellschaft und Recht kommt, hat dabei ein kleiner Unterschied namens "Bart" eine große Rolle gespielt.

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