Donnerstag, 24. Oktober 2013

Was an "Borgen" und Birgitte Nyborg begeistert



Derzeit strahlt Arte die letzte Staffel der dänischen Fernsehserie "Borgen" aus. Im Wesentlichen geht es dabei um die liberale Politikerin Birgitte Nyborg (gespielt von Sidse Babett Knudsen), die versucht, Politik, Macht und ihre eigenen Ideale in Einklang zu bringen. Das klingt banal, doch der große internationale Erfolg einer vom öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunk produzierten Serie über Politik ist nicht gerade vorgezeichnet. Inzwischen wurde die Serie in 70 Länder verkauft. Insofern stellt sich die Frage: Worin liegen Reiz und Erfolg von "Borgen"?

1., Wir bekommen Menschen hinter den Funktionen zu sehen
Es ist fast schon erleichternd zu sehen, dass die Protagonisten trotz ihrer Macht in Politik und Medien abseits ihrer Brotberufe den normalen Gesetzmäßigkeiten des Alltagskampfes unterworfen sind. In den ersten beiden Staffeln wird dieser Umstand vor allem anhand von Birgitte Nyborg deutlich: Die Macht einer Premierministerin schützt sie nicht vor den Problemen ihrer Kinder, den Bedürfnissen ihres Partners und den Wirrnissen des Privatlebens. Die Perspektive auf Akteure in Politik und Medien gibt dabei eine sehr spezifische Realität wider. Grundlegend existenzielle Ängste wie Arbeitslosigkeit, hohe Lebenskosten, etc. sieht man wenn dann nur von der "passiven" Perspektive der Politik aus - als Probleme der anderen, die es für andere zu lösen gilt. "Borgen" handelt von der Komplexität, diese Zustände politisch zu lösen, insofern ist die erwähnte "spezifische Realität" vollkommen gerechtfertigt. Die Konflikte, mit denen es die Charaktere der Serie persönlich zu tun haben, finden auf einer anderen Ebene statt. Hier werden vor allem zwischenmenschliche Fragestellungen aufgegriffen, wie beispielsweise die Rolle, die Definition und Aufgabe der Familie im 21. Jahrhundert. "Borgen" gibt darauf keine Antwort, thematisiert aber das, was heute tagtäglich er- und gelebt wird.

2., Borgen handelt von politischen Problemen, die uns wirklich beschäftigen
"Borgen" ist kein Kitsch. Es geht nicht um romantisches Klimbim unwichtiger Nebensächlichkeiten verhätschelter Neureicher. Die Serie handelt von brisanten Themen unserer Zeit, wie dem Umgang mit straffälligen Jugendlichen, der Verantwortung Europas gegenüber der "Dritten Welt" oder der Einwanderungspolitik. Und wenn sich das auch jeweils am Beispiel der dänischen Politik festmacht, wird dennoch auf übertriebenes skandinavisches Lokalkolorit verzichtet. Das bedeutet: "Borgen" könnte ohne weiteres in jedem anderen europäischen Land spielen. Diese Möglichkeit zur Verallgemeinerung einerseits der Probleme und andererseits des Umfelds, in dem sie stattfinden, erlauben es den Zusehern, ihre eigenen Erfahrungen daran anzuknüpfen - ohne zwangsläufig mit den Entscheidungen der Protagonisten übereinstimmen zu müssen. Dass das funktioniert, ist eine verdammt gute Nachricht: Es beweist nämlich, dass Fernsehen nicht primitiv und voyeuristisch sein muss, um Erfolg zu haben. Wenn eine intelligente Serie über Politik, die im kleinen Dänemark produziert wurde, den Sprung zu einem internationalen Millionenpublikum schafft, belegt das, dass es ein Bedürfnis gibt, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

3., Nyborg ist integer und schafft, anstatt zu verwalten
Die Protagonistin Birgitte Nyborg ist echt, integer und vor allem: Sie schafft. Für uns EU-Bürger, die wir Reformen nur noch als Bedrohung für den Lebensstandard kennen und "Regierung" inzwischen mit "Stillstand" gleichsetzen - wie erfrischend erscheint uns da eine gestalterische, schaffende politische Persönlichkeit. Dabei kann den Autoren von "Borgen" keine Naivität unterstellt werden. Die Charaktere marschieren in der ersten Staffel noch recht gutgläubig in die Staatskanzlei und lernen bald die harte Realität kennen, die mit Macht und Politik einhergeht. Es wird gezeigt, dass es möglich ist, an den eigenen Idealen festzuhalten, wenn auch im politischen Ringen um parlamentarische Mehrheiten nicht selten schmerzhafte Abstriche gemacht werden müssen. Dennoch gibt es für Nyborg & Co. eine rote Linie, die nicht überschritten wird. Dabei unterscheidet sich die Politik in "Borgen" in zweierlei Hinsicht grundlegend von der Politik, wie wir sie in den meisten Ländern Europas tatsächlich kennen: Erstens gibt sich Nyborg nicht damit zufrieden, einfach nur den status quo aufrecht zu erhalten - sie möchte verändern anstatt zu verwalten. Und zweitens dienen diese Veränderungen nicht der Verschlechterung des breiten Lebensstandards, der Freiheitsrechte oder den Lebenschancen, sondern deren Verbesserung. Das hat nichts mit "Gutmenschentum" zu tun, denn tatsächlich muss sich der politische Mainstream in Europa fragen, warum es eigentlich keine nennenswerte politische Kraft gibt, für die Zuwanderung eine kulturelle Bereicherung ist oder die sich nachhaltig gegen eine simple Law-and-Order-Politik gegenüber jugendlichen Straftätern ausspricht. Birgitte Nyborg ist keine Marionette der Umstände, die sich bei Ungerechtigkeiten auf die bestehende Gesetzeslage herausredet, weil die eben so ist, wie sie ist. Da sie weiß, dass es einen Unterschied macht, ob ein Mensch handelt oder nicht, ist sie eine Akteurin und Gestalterin.

4., Frauen sind kein dekoratives Beiwerk sondern Charaktere
Fernsehen und Kino reduzieren die Rolle von Frauen nach wie vor hauptsächlich auf ein hübsches Accessoire männlicher Macher-Typen. "Borgen" zeigt, dass es auch anders geht. Und dabei lässt sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen nicht auf einen "feministischen Magic-Life-Club" reduzieren, wie dies Angelika Hager in einem "Profil"-Artikel macht. Die Umwelt, in der "Borgen" seine Charaktere setzt, ist kein Kindergeburtstag. Die Handelnden, allen voran die Frauen, müssen sich im machtpolitischen Zirkus durchsetzen und gleichzeitig die Balance zu ihrem Privatleben wahren. Dass dies nicht ohne Reibungen geht, ist nachvollziehbar. Die Ehe von Birgitte Nyborg geht in die Brüche und die ambitionierte Journalistin Katrine Fønsmark wird zur alleinerziehenden Mutter, die den Spagat zwischen ihren beruflichen Zielen und dem Wunsch, eine gute Mutter zu sein, mit einer zunehmenden Burnout-Gefahr bezahlt. Insofern ist die wichtigste Tat, die die Serie hinsichtlich der Geschlechterrollen gesetzt hat, die Schaffung von weiblichen Hauptrollen, die weder Superheldinnen noch Lustspielzeug sind - sie sind vielmehr vollkommen normale Menschen, die versuchen, mit den Problemen, die ihnen das Leben stellt, fertig zu werden. Dass das im 21. Jahrhundert überhaupt noch erwähnenswert ist, ist einerseits eine Begründung für den Erfolg der Serie, andererseits bezeichnend für die Unterhaltungsbranche insgesamt.

5., Die Rolle der Medien im Machtspiel wird berücksichtigt
Eine wichtige und ambivalente Rolle in "Borgen" spielt das Verhältnis zwischen Medien und Politik. Die bereits angesprochene Katrine Fønsmark (gespielt von Birgitte Hjort Sørensen) ist eine Journalistin, die im Laufe der Serie in verschiedene Rollen der Medienwelt schlüpft. Sie beginnt als Fernsehjournalistin, wechselt zum Boulevard im Print-Bereich und wird schlussendlich Fernsehmoderatorin. Anhand ihrer Rolle werden die Mechanismen sichtbar, die zwischen Politik und Medien bestehen. Da gibt es die sauberen, ehrlichen Methoden des kritischen Journalismus ebenso wie den Versuch eines Chefredakteurs, einen Polit-Skandal zu inszenieren und damit selbst auf schädliche Art und Weise direkt in das politische Geschehen einzugreifen - was übrigens gelingt und zu einer Regierungskrise führt. Gleichzeitig blicken wir auch hinter die Kulissen der Medienwelt an sich: Zu sehen sind der Drahtseilakt zwischen Qualität und Quote, innere Hierarchien und Intrigen sowie der Druck auf die Verantwortlichen, bei möglichst guter Qualität und hoher Exklusivität unter einem enormen Zeitdruck zu publizieren. Katrine Fønsmark, die eben die diversen Facetten des Journalismus und seiner Qualität selbst kennengelernt hat, wechselst in der dritten Staffel die Seite und wird zur politischen Beraterin von Birgitte Nyborg. Der Reiz dieses Rollenwechsels liegt darin zu sehen, wie ein Charakter, der hohe moralische und ethische Ansprüche an sich selbst stellt, mit den jeweiligen Situationen zurechtkommt.

Einen Wechsel in die andere Richtung wagt Kasper Juul (gespielt von Pilou Asbaek). Der ehemalige Spin-Doctor Birgitte Nyborgs wird zum TV-Journalisten und scheint die notwendige politische Distanz zu seiner früheren Arbeitgeberin zu schaffen. Dennoch ist es erstaunlich, wie reibungsfrei dieser "Systemwechsel" vom engsten politischen Berater zum Top-Journalisten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet. Die fehlende Auseinandersetzung mit diesem Wechsel ist wohl hauptsächlich der Absicht nach einer schnellen Entwicklung der Geschichte durch die Serienautoren geschuldet - schade.

Borgen ist realitätsnah
Der Erfolg der Serie hat insofern mehrere Seiten. Zwangsläufig drängt sich die Frage auf, wie realistisch die Darstellung von Politik in der Serie tatsächlich ist. Bis auf die notwendigen Verkürzungen im Rahmen einer Fernsehproduktion spricht nichts dagegen, "Borgen" als realitätsnah einzustufen. Gehen wir aber ins Detail, stellt sich bald die Frage, welchem politischen Umfeld eine Politikerin wie Birgitte Nyborg heute entstammen würde.

Es ist zweifelhaft, dass eine solche Person tatsächlich im bestehenden bürgerlich-liberalen Umfeld groß werden würde. Der bürgerliche Liberalismus steckt nicht erst seit dem parlamentarischen Zusammenbruch der FDP in Deutschland in der Krise - die FDP ist vielmehr einer der direktesten Ausdrücke dieser Krise, die nicht nur Deutschland betrifft. Nennenswerte liberale Parteien sind heute in den meisten Fällen vor allem rechts- und wirtschaftsliberal und stehen gesellschaftlichen und kulturellen Liberalisierungen negativ bis feindlich gegenüber. Eine Ausnahme dieser Regel im bürgerlichen Spektrum bilden dem Anspruch nach hierbei vielleicht die Grünen, die aber vor allem in Deutschland und Österreich mit ihrem schulmeisterlichen Charakter jegliche gesellschaftsliberale Agenden konterkarieren. Gleichzeitig käme für die dezidiert bürgerliche Birgitte Nyborg aber auch ein Engagement im Rahmen einer sozialdemokratischen oder sozialistischen Partei nicht in Frage.

Es ist daher realistisch, wenn Nyborg in der dritten Staffel damit beschäftigt ist, ihre eigene Partei zu gründen. Gleichzeitig zeigt dieser Schritt auch die Achillesferse eines solchen Schrittes ohne Verankerung in einer größeren Mitgliederbasis auf: Sofort stellt sich die Frage, wie ein solches Projekt finanziert werden soll. Eine Bank springt schnell mit einer Spende ein und erwartet postwendend Einfluss auf die Steuerpolitik der neuen Partei. Nyborg ist integer und zahlt das Geld zurück. Das eigentliche Problem ist damit aber natürlich nicht gelöst. Es bleibt insofern abzuwarten, wohin sich die Dritte Staffel entwickelt. Womit die Serie auch immer enden wird: Ihr Verdienst besteht darin, der zunehmend repressiven Politik in den Ländern Europas den Spiegel vorzuhalten und Alternativen aufzuzeigen. Und das ist für eine dänische Fernsehproduktion doch eine beachtliche Leistung.


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Arte überträgt bis 31. Oktober 2013 jeden Donnerstag eine Doppelfolge der dritten Staffel ab 21:00. Die jeweiligen Folgen sind auch innerhalb einer Woche nach Ausstrahlung in der +7 Mediathek von Arte nachzusehen.

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